Sozialpolitische Forderungen der Caritas

Positionen

Zwei Männer laden Kiste aus Lieferwagen

Mit ihrer Kampagne „Zusammen sind wir Heimat.“ möchte die Caritas zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung über Vorstellungen von Heimat und über das Zusammenleben in Vielfalt anregen. Vielfalt in einer offenen Gesellschaft stellt für viele Menschen eine Herausforderung dar. Die Unterschiedlichkeit von Kulturen, Religionen, Sprachen, Nationalitäten kann Menschen verunsichern in ihrem Wunsch nach Überschaubarkeit, nach dem Vertrauten und Bekannten – kurz: nach dem, was für sie Heimat ist.

Das Zusammenleben in Vielfalt muss daher (ein)geübt werden und verlangt den Mitgliedern unserer Gesellschaft die Auseinandersetzung darüber ab, wie dies gelingen kann. Es sind politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich, die nicht von Homogenität, sondern von Vielfalt ausgehen und das Zusammenleben befördern.

Dafür hat der Deutsche Caritasverband (DCV) Positionen erarbeitet und leitet zu folgenden fünf Themen Forderungen für Politik, Gesellschaft und die Caritas selbst ab.

Mit Bildung und Ausbildung alle Kinder und Jugendlichen erreichen

Kinder und junge Erwachsene brauchen Zukunftschancen. Doch obgleich alle Kinder ein Recht auf Förderung, Bildung und Erziehung haben, werden Kitas von Familien mit Migrationshintergrund* bisher zu wenig genutzt. Auch, weil es trotz Ausbaus nicht ausreichend Kita-Plätze gibt. Doch gerade für Flüchtlingskinder sind Kitas wichtig, um Deutsch zu lernen, sich zu integrieren und Stabilität zu erleben.

Die Fachkräfte sind gefordert, sich auf die Zusammenarbeit mit Eltern ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen einzulassen und sich auf deren Kinder einzustellen, die Belastungen wie Heimweh oder Fluchterfahrungen zu verarbeiten haben.

Auch in den Schulen braucht es interkulturell ausgerichtete Konzepte und entsprechend qualifizierte Mitarbeitende in multiprofessionellen Teams. Vorbereitungsklassen, außerschulische Angebote und individuelle Begleitung durch Schulsozialarbeit und Patenschaften tun not. Passgenaue Hilfen beispielsweise im Rahmen der Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kann die Jugendhilfe bieten. Allerdings braucht es dafür eine ausreichende Bewilligungspraxis und Unterstützungsdauer.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität scheitert der Schulbesuch nach wie vor oft, obwohl der Gesetzgeber im Jahr 2011 die Übermittlungspflicht für Bildungseinrichtungen abschaffte.

Unser duales Ausbildungssystem mit seiner hohen Bedeutung für künftige Teilhabe am Erwerbsleben ist neu Zugewanderten unbekannt, in berufsbildenden Schulen fehlen Plätze, und viele junge Menschen haben für eine Ausbildung oder ein Studium nicht die nötigen Sprachkenntnisse und anerkannten Zeugnisse.

Zu fordern sind:

  • Rahmenbedingungen für die Kindertagesbetreuung, das Schul- und Ausbildungssystem und die Hilfen zur Erziehung, die eine teilhabeorientierte Entwicklung der frühkindlichen, der schulischen und der weiterführenden Bildung fördern.
  • Ausweitung des Rechtsanspruchs – unabhängig vom Aufenthaltsstatus – auf einen Kita-Platz; unter anderem mithilfe von Kostenerstattung für Kitas, die statuslose Kinder aufnehmen.
  • Supervision der Fachkräfte als Regelleistung sowie bedarfsgerechte Betreuungsschlüssel, die eine aufwendigere Eltern- und Vernetzungsarbeit erlauben.
  • Implementierung multiprofessioneller Kita-Teams durch die Länder und entsprechende Weiterentwicklung der Bildungspläne.
  • Ausbau des Bundesprogramms „Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration“.
  • Sensibilisierung der Bildungseinrichtungen und -behörden dafür, dass Kinder und Jugendliche unabhängig vom Aufenthaltsstatus das Recht haben, eine Schule zu besuchen beziehungsweise bei voraussichtlich kurzer Verweildauer Bildungsangebote auch außerschulisch zu erhalten.
  • Hilfen zur Erziehung für geflüchtete Jugendliche sowie für alle jungen hilfebedürftigen Volljährigen zu ihrer Stabilisierung und Sicherung von Ausbildungsabschlüssen; Schließung von Förderlücken.
  • leichtere Zugänge zu Berufsausbildungen durch Abbau gesetzlicher Hürden und durch verlässliche bedarfsgerechte Angebote; im Ausland erworbene Abschlüsse sind anzuerkennen.
  • bei Bedarf berufsfördernde Angebote als Regelleistung, unabhängig vom Aufenthaltsstatus.
  • Absicherung und Ausweitung der Schulsozialarbeit.
  • personelle Aufstockung der Jugendmigrationsdienste mit ihrer individuellen Beratung.
  • Integration des Vermittelns interkultureller und -religiöser Kompetenz in die Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals.

* „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind Migrant(inn)en – einschließlich Flüchtlinge – die eingewandert sind, sowie ihre in Deutschland geborenen Kinder. Ausländer(innen) sind Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (vom Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ mit umfasst).

Das Miteinander stärken – Quartiersarbeit fördern

Vielfalt vor Ort

In ihren Quartieren, Stadtteilen und Dörfern erfahren die Menschen nationale, kulturelle und religiöse Vielfalt am unmittelbarsten. Daher spielt die Gestaltung der Quartiere für die Integration eine besonders große Rolle. Benachteiligte Quartiere leisten die Hauptanstrengung der Integration. Hier besteht die Gefahr, dass hinzukommende Bewohner(innen) als Konkurrenten um Ressourcen erlebt werden. Vielfalt ist ambivalent: Sie kann faszinieren, aber auch Angst machen. Daher erfordert sie abgestimmte politische und gesellschaftliche Strategien der Akteure vor Ort und entsprechende Rahmenbedingungen von Landes- und Bundespolitik.

Sozialräumliche Arbeit organisiert die Beteiligung der Bewohner(innen). Somit bildet sie eine zentrale Grundlage zur Identifizierung und Bearbeitung von Problemen im Quartier. Auch integrierte Stadtentwicklung setzt auf Bürgerbeteiligung bei der Bewältigung von Vielfalt und der Folgen des demografischen Wandels. Voraussetzungen für den Erfolg quartierbezogener Integrationsstrategien sind bezahlbarer und barrierearmer Wohnraum und die Förderung sozialer Durchmischung.

Wichtige Lösungsansätze sind:

  • Sind Flüchtlinge in größerer Zahl unterzubringen, müssen die Anwohner(innen) frühzeitig über die Rahmenbedingungen informiert werden.
  • Interessenkonflikte müssen in einer heterogenen Bewohnerschaft früh erkannt und offen angesprochen werden.
  • Für Kommunikation und Moderation bieten soziale Verbände und die Pfarrgemeinden wertvolle Anknüpfungspunkte und Ressourcen.
  • Persönliche Begegnungen im Stadtteil sind sehr wichtig, um Ressentiments und Konflikten vorzubeugen; sie fördern den Zusammenhalt. Die Steuerungsverantwortung für nachhaltige Quartiersarbeit liegt bei den Kommunen. Sie sollten die Kompetenzen der Zivilgesellschaft einbeziehen.
  • Um Kontinuität zu sichern und Nachhaltigkeit zu gewährleisten, erfordert sozialräumliche Arbeit eine Regelfinanzierung statt befristeter Projektfinanzierungen.
  • Benachteiligte Quartiere brauchen die besten Kindertageseinrichtungen und die kleinsten Schulklassen.

Bürgerschaftliches Engagement

Bürgerschaftliches Engagement ist ein Weg, die Gesellschaft mitzugestalten. Es nimmt seit Jahren zu – am stärksten in der Arbeit mit Flüchtlingen. Während Menschen mit Migrationserfahrung im bürgerschaftlichen Engagement generell unterrepräsentiert sind, engagieren sie sich in der Flüchtlingshilfe überproportional. Flüchtlinge selbst sind bislang vor allem als Übersetzende oder bei Kulturveranstaltungen engagiert.

Die Caritas fördert freiwilliges Engagement mit ihren Diensten und Einrichtungen durch Möglichkeiten der Mitgestaltung und Fortbildungsangebote, durch die Caritas-Konferenzen (CKD) und die Freiwilligen-Zentren.

Für die nachhaltige Etablierung bürgerschaftlichen Engagements fordert der DCV:

  • bürokratische Faktoren ab- und Engagement stärkende Strukturen auszubauen;
  • Verstetigung der Engagement-Infrastruktur (zum Beispiel Freiwilligen-Zentren und -agenturen) durch langfristige Förderung;
  • neue Kooperationen und Vernetzung mit anderen Organisationen;
  • Forschung zur Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund im Ehrenamt.
Asylbewerberleistungsgesetz abschaffen – ausländische Berufsabschlüsse anerkennen

Teilhabe am Arbeitsleben

Sowohl für Personen mit Migrationshintergrund als auch für arbeitsmarktferne Personen gestaltet sich die Integration in den ersten Arbeitsmarkt besonders schwierig. Für beide Gruppen bedarf es passgenauer, mehrjähriger Förderinstrumente. Schätzungen zufolge haben 70 Prozent der über 18-jährigen Flüchtlinge keinen Berufsabschluss.

Erschwerend kommt hinzu, dass Asylsuchende und Geduldete erst nach Wartefristen arbeiten oder bestimmte Förderungen in Anspruch nehmen dürfen. Entscheidend für gelingende Integration sind vor allem kurze Asylverfahren, Sprachförderung, Investitionen in (Aus-)Bildung, die Arbeitsvermittlung und -förderung sowie die Aufnahmebereitschaft der Wirtschaft. Die Bleibeperspektive ist aus Sicht der Caritas kein geeignetes Kriterium.

Der DCV fordert:

  • Die Eingliederungsmittel für Langzeitarbeitslose dürfen nicht immer weiter gekürzt, sondern müssen aufgestockt werden.
  • Alle Flüchtlinge müssen an Sprachkursen, Praktika oder Fortbildung teilnehmen können. Überschreitet ihr Verfahren eine angemessene Frist (sechs Monate), sollten sie Fördermaßnahmen erhalten.
  • Ausländische Berufsabschlüsse müssen verstärkt anerkannt, Arbeitsverbote/Wartefristen oder Residenzpflichten aufgehoben werden.

Soziokulturelles Existenzminimum

Wer in Deutschland den Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft sichern kann, erhält Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II), der Sozialhilfe (SGB XII) oder dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG). Neben der physischen Existenz umfasst der pauschalierte Regelbedarf auch „die Sicherung der Möglichkeit zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und zu einem Mindestmaß an Teilhabe am gesell­schaftlichen, kulturellen und politischen Leben“.

Bei Bezieher(inne)n von Leistungen nach AsylbLG gibt es eine umfassende Sicherung des Existenzminimums aber nicht. Beispielsweise bleiben Gesundheitsleistungen in den ersten 15 Monaten auf die Akutversorgung beschränkt, und die Teilhabeleistungen sind niedriger als in den Sozialgesetzbüchern II oder XII.
Der DCV fordert:

  • Beim Festsetzen der Regelbedarfe muss der Gesetzgeber reale Chancen auf Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen sichern.
  • Das AsylbLG als Sondergesetz sollte abgeschafft werden. Geschieht dies nicht, muss auch bei den Leistungen nach AsylbLG das physische und das soziokulturelle Existenzminimum umfassend gesichert werden.
  • Alle ausländischen Kinder mit Aufenthaltsrecht (Freizügigkeitsrecht) sollten Anspruch auf Bildungs- und Teilhabeleistungen haben.
Politische Bildung fördern, Alltagsrassismus bekämpfen

Demokratie und politische Partizipation

Mangels Wahlrecht haben Ausländer(innen) keine volle politische Teilhabe. Lediglich EU-Bürger(innen) können an Kommunal- und Europaparlamentswahlen teilnehmen. Aber auch viele Wahlberechtigte verzichten auf politische Partizipation, sie wenden sich aus Enttäuschung oder Desinteresse von der Politik ab oder wählen rechtspopulistische Parteien. Jungwähler(innen), unter denen der Anteil mit Migrationshintergrund besonders hoch ist, zeigen die niedrigste Wahlbeteiligung und das geringste politische Interesse.

Etwa die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staats­bürgerschaft. Sie sind jedoch in gemeinnützigen Organisationen, in Parteien und bei Wahlen unterrepräsentiert. So zeigen empirische Studien eine soziale Spaltung auf, bei der die Wahlbeteiligung der sozialen Oberschicht um bis zu 40 Prozentpunkte über der von sozial schwächeren Milieus liegt. Die Wahlergebnisse sind somit sozial nicht repräsentativ. Doch Heimat lässt sich nur gemeinsam gestalten. Die Gesellschaft und insbesondere das Leben im persönlichen Umfeld politisch mitzugestalten bietet wichtiges Integrationspotenzial für Jüngere, für sozial Benachteiligte und für Menschen mit Migrationshintergrund.

  • Die Wahlbeteiligung sozial benachteiligter Menschen und von wahlberechtigten Menschen mit Migrationshintergrund sollte durch ein breites Maßnahmenbündel gestärkt werden.
  • Eine aufsuchende wohnortbezogene, persönliche Ansprache von (potenziellen) Nichtwähler(inne)n kann dazu beitragen, die politische Bildung und in der Folge die Wahlbeteiligung zu erhöhen.
  • Da politisches Interesse besonders durch das Lebensumfeld geprägt wird, ist es wichtig, die politische Bildung im Schulalltag, im sozialräumlichen und im beruflichen Umfeld sowie in anderen Settings potenzieller Nichtwähler(innen) zu stärken.
  • Die Möglichkeiten der Einbürgerung sollten genutzt und weiter ausgebaut werden. Sie darf jedoch nicht der einzige Weg zu politischer Partizipation sein. Ausländer(innen), die seit fünf Jahren mit einer Niederlassungs- oder Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben, sollten das kommunale Wahlrecht erhalten.

Bekämpfung von Alltagsrassismus

Rassismus liegt vor, wenn Menschen, die einer anderen Gruppe zugeordnet werden, ein geringerer Wert zugeschrieben wird. Dies muss nicht an ethnischer Abstammung festgemacht werden, sondern kann beispielsweise auch auf Religionszugehörigkeit, Herkunft oder einzelne äußere Merkmale bezogen sein. Jede Ausgrenzung und Diskriminierung entlang solcher Bewertungen ist rassistisch.

Struktureller Rassismus entsteht durch diskriminierende Strukturen in Institutionen, wenn beispielsweise der Zugang zu Bildung erschwert wird. Von Alltagsrassismus wird gesprochen, wenn Diskriminierung oder ein ausgrenzender Umgang in alltäglichen Situationen auftritt, etwa bei der Arbeits- oder Wohnungssuche und beim Behördenkontakt. Alltäglicher Rassismus versperrt Lebens- und Bildungswege, verhindert Chancengleichheit und vermittelt Menschen, dass andere der Meinung sind, sie gehörten nicht dazu.

  • Die Caritas steht für eine offene Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft auf Basis unserer Verfassung ihre Vorstellungen von gelingendem Leben verwirklichen können und einander mit Respekt begegnen. Abwertende Einstellungen und Äußerungen gegenüber anderen Menschen sind mit dem biblischen Menschen­bild unvereinbar. Die Caritas lehnt jede Form von Diskriminierung ab. Sie setzt sich dafür ein, dass Politik und Öffentlichkeit Menschen mit Migrations­hintergrund als gleichwertig betrachten, ohne Unterscheidung nach Migrationsstatus und der Aufenthaltsdauer.
  • Alltagsrassismus kann nur verhindert werden, wenn jede(r) Einzelne die eigenen Einstellungen, Handlungen und Äußerungen immer wieder selbstkritisch reflektiert. Für Angehörige des öffentlichen Dienstes müssen entsprechende Kompetenzen Teil des Ausbildungsprofils werden. Angebote der Sensibilisierung müssen bereits in Kitas und Schulen stattfinden. Ganz entscheidend sind Angebote in der Jugendarbeit, die das Demokratieverständnis unterstützen und Wertschätzung für Pluralität vermitteln. Hierfür bedarf es langfristiger Finanzierung.
  • Die Caritas will dazu beitragen, jeder Form von Rassismus auf politischer, rechtlicher und sozialer Ebene entgegenzuwirken. Sie will Menschen stärken, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind – durch Empowerment und die Zusammenarbeit mit Expert(inn)en und Selbstorganisationen Betroffener.
  • Auch bei Mitarbeitenden der Caritas gibt es Ängste und Vorbehalte. Die Caritas fördert ein positives Verständnis für Vielfalt auch in den eigenen Reihen.

Prävention von Rechtsextremismus/Rechtspopulismus

Rechtsextremismus ist ein internationales, vielschichtiges Phänomen und in fast allen Demokratien verbreitet. Im Zentrum steht eine oft drastische Abwertung anderer, die zu Gruppen wie beispielsweise Ethnien, Nationen, Religionsgemeinschaften zugeordnet werden. Rechtsextremismus hat sich in Bezug auf die Gruppen, gegen die er sich richtet, und auf die negativen Zuschreibungen als sehr wandelbar erwiesen. Konstant ist jedoch die Nichtanerkennung der Menschenrechte für diese Bevölkerungsgruppen.

Gesellschaftlich weniger tabuisiert als offen rechtsextreme Organisationsformen ist der Rechtspopulismus. Vor dem Hintergrund eines vermeintlich drohenden kollektiven Identitätsverlustes verändert er Elemente der rechtsextremen Ideologie in einen Grenzbereich des gesellschaftlich Anerkannten und ist dabei bemüht, die Grenze dessen, was noch als politikfähig gilt, in Richtung rechtsextremer Positionen zu verschieben.

Der DCV sieht das Erstarken rechtspopulistischer Gruppen und Parteien mit großer Sorge und wendet sich entschieden gegen die damit einhergehende Diskriminierung und Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen. Bekannt ist, dass offener Rechtsextremismus, insbesondere die Bereitschaft zu Gewalttaten, steigt, wenn die Täter(innen) den Eindruck haben, mit ihrer Vorstellung vom unterschiedlichen Wert der Menschen eine Mehrheitsmeinung zu vertreten, indem rassistische Vorstellungen und Handlungen unwidersprochen bleiben.

Der DCV sieht folgende Lösungsansätze:

  • Bereits in der Kindheit werden die Grundlagen der späteren sozialen und politischen Orientierung geschaffen. Menschen, die autoritär erzogen und deren emotionale Bedürfnisse missachtet werden, tendieren stark zur Befürwortung rechtsextremer Positionen. Ein offenes und an demokratischen Werten orientiertes Erziehungsklima hingegen befördert die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und die Erkenntnis des Werts anderer Menschen. Die Stärkung von Familien sowie wertschätzende Angebote in Kitas und Schulen können positiv wirken.
  • Geringe Möglichkeiten zur Teilhabe können antidemokratische Positionen zur Folge haben. Dies betrifft auch Angehörige der Mittelschicht, die vom sozialen und ökonomischen Abstieg bedroht sind oder sich davon bedroht fühlen. Alle gesellschaft­lichen Akteure sind aufgefordert, im Sinne von Extremismusprävention und -be­kämp­fung die langfristige politische Bildung und soziale Integration zu fördern.
Barrieren im Gesundheitswesen abbauen – interkulturelle Öffnung ausbauen

Interkulturelle Öffnung

Der DCV definiert interkulturelle Öffnung: „Die Menschen in diesem Land können sich darauf verlassen, dass der Zugang zu den unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Arbeitswelt sowie der Zugang zu den sozialen Organisationsformen (Gruppen, Vereine, Initiativen) und zu den Hilfe- und Dienstleistungsangeboten jedem möglich ist, unabhängig von seiner kulturellen Prägung aufgrund von Herkunft, religiöser oder weltanschaulicher Überzeugung, individueller Lebenseinstellung und Lebensweise.“

Bereits im Jahr 2001 stieß der DCV mit einem Eckpunktepapier einen gesamtverbandlichen Prozess  an, der 2006 durch eine Handreichung ergänzt wurde. 2012 erhob der DCV unter Beteiligung von 16 Diözesan- und Landes-Caritasverbänden sowie 75 Orts-Caritasverbänden den Stand der Umsetzung. Dabei wurde deutlich, dass diese Maßnahmen zu einem Klima von Offenheit, Verständnis und Bereitschaft zur Kooperation geführt haben.

Allzu oft wird das Thema interkulturelle Öffnung  noch den Fachdiensten für Migration und Integration zugeordnet: Hilfesuchende werden nicht aufgrund eines Anliegens, sondern aufgrund ihres Migrationshintergrundes an diese verwiesen. Durch die 2015 stark angestiegene Zuwanderung hat das Thema aber an Bedeutung gewonnen.

Situation in der Schwangerschaftsberatung

Die katholische Schwangerschaftsberatung steht allen offen, unabhängig von ethnischer, kultureller, religiöser und konfessioneller Herkunft. Jährlich suchen über 100.000 Menschen ihren Rat, von denen etwa 50 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Seit 2007 ist der interkulturelle Ansatz im Bundesrahmenhandbuch des Fachbereichs verankert. Die Berater(innen) bilden sich zu interkulturellen Themen fort und bieten neben der Einzelfallhilfe Gruppenangebote, die auf Frauen mit Migrationshintergrund zugeschnitten sind. Psychosoziale Bedarfe, die die Berater(innen) mitunter wahrnehmen, können bei zu großen Sprachhürden nur rudimentär bearbeitet werden. Hier wäre beispielsweise ein Pool von ehrenamtlichen mehrsprachigen Helfer(inne)n sehr hilfreich.

Situation im Gesundheitswesen

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein der Notwendigkeit interkultureller Öffnung und der Kultursensibilität in allen Bereichen der gesundheitlichen Versorgung gewachsen.  Doch trotz entsprechender Maßnahmen sind Menschen mit Migrationshintergrund bei der Nutzung gesundheitlicher Leistungen nach wie vor unterrepräsentiert. So nehmen sie Vorsorge- und Rehamaßnahmen in geringerem Maß in Anspruch, als dies ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. Dies gilt auch für die (ambulante) psychiatrisch-psychothera­peu­tische Versorgung.

Gesundheitsrisiken und Zugänge zum Gesundheitssystem unterscheiden sich auch innerhalb der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund: Je höher Bildung und Einkommen, desto besser sind Gesundheit und Versorgung. Vorliegende Daten weisen im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung auf spezifische Risiken für Migrant(inn)en und auf einen insgesamt schlechteren Gesundheitsstatus hin. Belastet sind vor allem Kinder und Jugendliche, Frauen, ältere und alte Menschen sowie Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität.

Der DCV fordert:

  • Das Gesundheitssystem muss analysieren, inwieweit die Versorgungs­institutionen (ambulante/stationäre Versorgung; Akutversorgung/Rehabilitation/Pflege) auf die soziale und kulturelle Vielfalt der Patientengruppen und ihre Bedarfe ausgerichtet sind; Indikatoren sind Zugänglichkeit, Verständlichkeit und Passung der Angebote.
  • Menschen mit Migrationshintergrund gilt es in ihrer Heterogenität systematisch in der Versorgungsforschung zu berücksichtigen.
  • Migrationsspezifische Themenstellungen gehören in die Aus- und Weiterbildungen der Gesundheitsberufe.
  • Muttersprachliche Informationen zu Kuration, Rehabilitation, Prävention und Pflege sind wichtig für die Orientierung im gegliederten Versorgungssystem. Je nach Lebenslage der Menschen mit Migrationshintergrund können Sprach- und Kulturmittler(innen) Zugänge ebnen und die Motivation für gesundheitsförderndes Verhalten stärken. Insbesondere für die Vermittlung von Diagnosen, die Abstimmung von Behandlungsplänen und die aktive Mitwirkung der Patient(inn)en sollen (videogestützte/telefonische) Dolmetscherdienste für Einrichtungen des Gesundheitssystems zugänglich sein.

Caritas als Arbeitgeber

Mit ihren 617.000 Mitarbeitenden und rund 500.000 Ehrenamtlichen in mehr als 24.000 Einrichtungen verstehen sich die Träger der Caritas als Teil einer pluralen Gesellschaft, deren Heterogenität deutlich zugenommen hat. Dies spiegelt sich auch in der Pluralität der Mitarbeitenden bei Wertvorstellungen, kultureller Identität und Glaubensfragen. Zugleich steigen die Ansprüche an die Professionalität sozialer Arbeit; in einigen Berufen herrscht Fachkräftemangel.

Der Umgang mit Vielfalt ist zu einer zentralen Aufgabe auch für soziale Dienstleister geworden: Sie müssen ihre Arbeit so organisieren, dass sie allen offensteht, die in Not sind. Parallel dazu besteht Entwicklungsbedarf in der Caritas als konfessionell gebundenem Arbeitgeber: Einrichtungen und Dienste stehen vor der Frage, wie sie anders- oder nichtgläubige Mitarbeiter(innen) beschäftigen können. Wie kann dabei ihr christliches Profil gestärkt und weiterentwickelt werden?

  • Träger und Führungskräfte sollten gemeinsam mit den Mitarbeitenden für die jeweiligen Arbeitsbereiche und die Dienstgemeinschaft wesentliche christliche Prinzipien konkretisieren.
  • Anforderungen zur interkulturellen Öffnung sind im Leitbild zu verankern und Qualitätsziele daran auszurichten. Dies gilt sowohl für die Nutzer(innen) sozialer Dienstleistungen als auch für die Einstellung und Begleitung Mitarbeitender.
  • Um Vielfalt zu leben, braucht es neue Personal- und Organisationsentwicklungskonzepte.
  • Interkulturelle Öffnung der Caritas bedeutet, eine Haltung der Offenheit zu entwickeln und mit Anderssein einfühlsam und respektvoll umzugehen. Dafür sind im Dienst, in der Einrichtung Instrumente zu verankern, die eine stetige Selbstreflexion der Mitarbeitenden fördern und nachhaltig zu einem gemeinsamen Verständnis interkulturellen Handelns führen.
  • Gemeinsam mit den Einrichtungen und Diensten wird sich der DCV dafür einsetzen, den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Mitarbeiterschaft zu erhöhen.

Maria Antonia Estol13. Januar 2017 16:30

Der Caritasverband Darmstadt e.V. befindet sich seit dem Jahr 2014 im Prozess der Interkulturellen Öffnung. Ich freue mich über die Initiative und wünsche mir einen regen Austausch bzw. Unterstützung für den Entwicklungsprozess.

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